Der Gebsattler Semmelkrieg

Bis gegen 1580 gab es in Gebsattel keinen Dorfbäcker, das heißt, so um 1524/25 war einmal einer kurz da; er hieß mit Vornamen Burkhard, stammte aus der Hollermühle bei Tauberscheckenbach und konnte - wie alte Leute sich erinnerten - »schöne, weiße Weck backen«.
Nach ihm wurden die Gebsattler durch die Rothenburger Stadtbäcker versorgt, die ihre Bäckerbuben mit Körben voll allerlei Brot und Weck von Haus zu Haus schickten, oder sie in den Schankstätten des Ortes auf Käufer lauern ließen. Da Gebsattel ein großes Dorf war, zu dem auch noch mehrere Nebenorte gehörten, stellte es für die Stadtbäcker ein wichtiges Absatzgebiet dar, das es zu schützen und zu behaupten galt.
Nun kam 1581 einer der Rothenburger Bäcker namens Hans Heslein auf den unglücklichen Einfall, in Gebsattel eine eigene Bäckerei aufzumachen. Er war, das muss man sagen, etwas zwielichtig, und sein Leumund war nicht der beste. Im Mai 1581 aber bekam er dennoch die Genehmigung, sich ein Vierteljahr lang in Gebsattel einzumieten, und im Juli wurde ihm tatsächlich gestattet, sich einen Bauplatz zu kaufen, ein Haus darauf zu setzen und darin die »Pisterei zu treiben« (zu backen).

 Rothenburg, das davon Wind bekommen hatte, ließ sogleich verlauten, es werde einen Bäcker in Gebsattel nicht dulden, der komburgische Amtmann setzte dagegen, das gehe die Rothenburger nichts an.
Heslein kaufte sich in der Feldgasse (Kirnberger Straße) einen Garten, baute ein Häuslein hinein, dazu einen Backofen, und eröffnete seine Bäckerei. Die Stadt protestierte sofort. Erstens sei dort, wo Heslein gebaut habe, noch nie ein Haus gewesen, ein neues Haus aber schmälere die Gemeinderechte der übrigen Dorfbewohner, auch der rothenburgischen Untertanen. Zweitens aber - und vor allem - habe das Haus ja kein Backrecht.
Komburg oder der komburgische Amtmann könne über die Erteilung eines Backrechtes nicht allein entscheiden, daher dürfe in Hesleins Haus auch nicht gebacken werden. Und überhaupt dieser Heslein. Man habe ihm 1570 das Rothenburger Bürgerrecht verliehen, er habe sich aber nicht wie ein Biedermann gezeigt, sondern sich »dem Fressen, Saufen, Spielen, Schießen und anderen Händeln ergeben«. Oft sei er 14 Tage lang nicht heimgekommen und habe die Leute betrogen, so dass man ihm einen Kurator habe setzen müssen. Dann sei er aus der Stadt geflohen, ohne einen Heller Nachsteuer zu zahlen, und in Gebsattel habe er dann »auf das Hoffärtigste samtene Hosen getragen«.
Auch die ehemaligen Kollegen wussten Schlechtes über ihren Konkurrenten zu berichten, zum Beispiel, dass er 1580 in der Stadt wegen Beleidigung und Händeln eingesperrt war und 1581 wegen liederlichen Haushaltens und Unfleiß, aber auch wegen verschiedener Betrügereien wiederum hatte einsitzen müssen.
Heslein wandte ein, er sei nicht durch Schulden »ins Abnehmen« gekommen, sondern durch die Krankheit seiner Tochter, aber auch, weil ihm mehrere Schweine eingegangen seien. Er brauchte sich nicht viel Mühe mit seiner Verteidigung zu geben, denn der Amtmann hielt zu ihm und ließ ihn weiter backen. Möglicherweise hielt der die Anschuldigungen schon für wahr, aber es war halt so schön, zu sehen, wie Rothenburg sich ärgern musste, drum durfte der Beck bleiben. Die Stadtväter jedoch fackelten nicht lange. Sie zogen mit einem großen Aufgebot von Soldaten und Arbeitern nach Gebsattel und ließen Hesleins Backofen kurzerhand einreißen.
Als der ,Amtmann ihn wieder aufbauen ließ, rückte Rothenburg wieder an, diesmal mit 13 Pferden, 90 Schützen und zehn Stadtarbeitern, und riss ihn wieder ein. Sicherheitshalber wurde diesmal jeder einzelne Ziegel zertrümmert. Jetzt wies der Amtmann den Becken an, seine Sachen im Backofen der Erbschenkstatt zu backen, und dem Wirt Hoffmann befahl er, dies zu dulden. Daran - dachte er - werde die Stadt sich doch nicht wagen. Rothenburg mahnte ab und ließ, als das nichts nützte, auch den Backofen der Erbschenkstatt einreißen (A 148). Um den wieder aufzubauen, holten sich die Gebsattler drei Fuhren Backsteine aus der rothenburgischen Ziegelei in Walkersdorf - gewaltsam und ohne Bezahlung.

 Komburg hatte schon vor längerer Zeit eine Unterlassungsklage zum kaiserlichen Kammergericht nach Speyer eingereicht. Am 5. 2. 1582 wurde entschieden, dass Rothenburg bei Meidung einer hohen Geldstrafe künftig keine Backöfen in Gebsattel mehr einreißen dürfe.
Schön, meinten die Stadtväter, wir gehorchen; aber das heißt noch lange nicht, dass Komburg gewonnen hat. Es ist uns durch diese Entscheidung ja nicht auferlegt worden, das Backen zu dulden. Kurze Zeit später musste Heslein sein neues Bäckerhäuslein »schuldenhalber« schon wieder verkaufen, ganze zwei Jahre hatte er es besessen. Vielleicht hat er sein liederliches Haushalten und seinen Unfleiß auch in Gebsattel fortgesetzt. Den komburger Herren muss es jedenfalls wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen sein, dass just damals das Haus, das der Erbschenkstatt gegenüber lag, dem Stift »zurückgeschlagen« wurde. Die bisherigen Besitzer, Hans und Endres Klingler, steckten bis zum Hals in Schulden und hatten außerdem mehrere Gebsattler »über das Seil geworfen« (betrogen). Es wurde eine Gläubigerversammlung einberufen, und am 23. 2. 1583 wurden sie aus Gebsattel ausgewiesen. Sie mussten - samt ihren Familien - das Haus innerhalb von zwei Tagen räumen.
Nun ließ der Amtmann auf der Rückseite des Gebäudes sofort einen Backofen anbauen. Rothenburg führte, noch ehe der Bau fertig war, eine Ortsbesichtigung durch und schickte am gleichen Tag ein Protestschreiben. Dieses Haus habe noch nie ein Backrecht besessen, deshalb dürfe darauf auch kein Bäcker arbeiten.
Komburg ließ den Backofen trotzdem fertigstellen und gab dieses Haus dann dem Heslein (wohl nur pachtweise). Der blieb aber auch hier nicht lange, sondern verschwand schon 1584. Die Rothenburger hatten ihn bereits 1581 einmal relegiert (ausgewiesen), und weil er sich 1584 auf der Rödersdorfer Kirchweih Rothenburger Amtsträgern gegenüber frech und aufmüpfig benommen hatte, wiederholten sie diese Ausweisung noch einmal; diesmal hieß es »auf ewig«. Die Bäckerei war damit aber noch immer nicht aus der Welt geschafft, denn Frau Heslein, die mit ihren Kindern in Gebsattel blieb, führte sie weiter.

Den rothenburgischen Untertanen war zwar von Anfang an streng verboten worden, beim Gebsattler Bäcker Brot oder anderes Gebäck zu kaufen. Dieses Verbot wurde aber listig umgangen. Die Leute kauften ihre Backwaren beim Wirt, und der holte sie beim Bäcker. So hatte Frau Heslein keine Absatzsorgen, und die Gebsattler, soweit sie rothenburgisch waren, mussten nicht wegen jeder Semmel, die sie essen wollten, in die Stadt laufen.
Nun mussten sich die Rothenburger Stadtväter etwas einfallen lassen, um ihren Stadtbäckern die Gebsattler Konkurrenz vom Leibe zu halten. Sie begannen stoßtruppartige Unternehmungen, wie sie sonst nur im Kriege üblich sind. Am 16. 4. 1585 zum Beispiel zogen nachts um 4.00 Uhr vier Reiter und 42 Schützen nach Gebsattel zu Frau Hesleins Haus, beschlagnahmten hier alles Backwerk und schafften es in die Stadt. Der Gesamtwert der Beute lag bei etwa drei Gulden. Der Überfall wurde am folgenden Tag noch einmal wiederholt, diesmal waren 30 Bürger und vier Pferde beteiligt. Führer des Stoßtrupps war Georg Rösch vom Reichsrichteramt. Erbeutet wurden »vier rückene Laib Brot zu je 3¼ Gewicht, 91¼ geringe Paar Weck zu 4 Pfennigen (ein Paar wiegt 24 Lot), sechs große Paar (wiegt ein Par 43 Löt), 29 Filzwecklein, wiegt eines 22 Lot zu vier Pfennigen, und 12 aufgeschnittene Wecken zu 14 Lot.
Um die Beckin - und natürlich auch den Herrn Amtmann im Schloss - restlos zu verunsichern, wurde die Aktion am Abend des gleichen Tages ein weiteres Mal durchgeführt. Erwischt wurden da allerdings nur drei Paar große Weck und vier Eierkuchen.
Am 18. 4. waren die Rothenburger wieder da, und weil die Beckin diesmal nicht öffnete, mussten einige der Invasoren das Hoftor überklettern, dann aus den Angeln heben und die Haustüre mit Gewalt aufbrechen.
So ging es weiter. Am 1. 5. 1585 wurden acht große und 8¼ kleine Paar Weck, ein großes Paar zu acht Pfennigen und zwei Scheitweck erbeutet. Bei dem Überfall vom 20. 10. 1585 steht nicht fest, ob der noch bei Frau Heslein oder schon beim neuen Bäcker Georg Müller erfolgte. Müller kam wohl um diese Zeit als Nachfolger der Frau Heslein ins Dorf. Fest steht, dass auch bei ihm requiriert wurde, zum Beispiel am 2. 12. 1585, wo die Soldaten eine Kammertür und eine Truhe gewaltsam aufbrachen. Hinterher bestritten sie es allerdings und behaupteten, der Beck habe alles freiwillig geöffnet.
Müller ließ sich aber nicht entmutigen. Er saß noch 1587 Bäckerhaus und führte 1590 eine Klage gegen Rothenburg. 1592 jedoch resignierte er. Sein Prozeßbevollmächtigter teilte dem Gericht mit, dass sein Mandant »entwichen und ausgetreten« sei. Die rothenburgische Zermürbungstaktik war erfolgreich gewesen.
Müllers Nachfolger kam aus Komburg und hieß Hans Eisenmanger. Er dürfte die Bäckerei 1588 übernommen haben. Auch ihn verschonten die Rothenburger nicht. Am 19. 3. beispielsweise suchte ihn der innere Richter Leonhard Staudt in Begleitung eines Advokaten und unter dem Schutz von vier Stadtknechten, zwei Bauernfängern, dem Richterknecht und 22 Schützen heim.
Man traf aber nur Frau Eisenmanger an, ihr Mann war gerade in Schwäbisch Hall. Sie erklärte Herrn Staudt, dass Komburg ihrem Mann befohlen habe, in Gebsattel zu backen, er sei also nicht aus freien Stücken hier.
Wie üblich räumte das Kommando den Bäckerladen aus, fand hier zwar nur fünf Paar Weck, doch tauchten in anderen Räumen des Hauses weitere 188 Paar auf, die versteckt gewesen waren. Alles wurde auf einen Karren verladen und wieder nach Rothenburg transportiert. Dieser Eisenmanger, der angeblich so unfreiwillig in Gebsattel war, hielt sich im Dorf nicht lange; schon 1589 erscheint sein Name nicht mehr in den Akten. Sicher werden die ewigen rothenburgischen Überfälle mitentscheidend gewesen sein. Der Hauptgrund für sein frühes Verschwinden war aber wohl der Umstand, dass er sich mit seiner Kundschaft nicht verstand, weil sie sich nicht bemogeln ließ. Er machte nämlich seine Brote kleiner als die Rothenburger Bäcker, worauf die Gebsattler - wie in alten Zeiten - wieder rothenburgisches Brot kauften.
Über die Nachfolger Eisenmangers geben die Akten der Stadtarchivs Rothenburg ,keine Auskunft. Hat Komburg keinen Dorfbeck mehr eingesetzt, oder hat Rothenburg den Semmelkrieg nicht weitergeführt? Offiziell beendet wurde die leidige Angelegenheit erst am 16. Februar 1614 durch einen Vergleich. Rothenburg versprach, den Dorfbecken künftig zu tolerieren, dafür sagte Komburg zu, in Zukunft keine neuen Handwerksbetriebe mehr im Dorf einzuführen.
 
 

Aus "Gebsattel, Chronik eines fränkischen Dorfes" von Anton Müller 1989 (gekürzt)
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